Otto Hahn (1879-1968) - Ein wunderbares Vorbild

Das Göttinger Tageblatt widmete 2007 dem Namensgeber unserer Schule ein "Tageblatt spezial:"

Bei aller Charakterstärke ein grundgütiger Mensch

Manifest gegen Atom-Rüstung: Vor 50 Jahren machte Otto Hahns „Göttinger Erklärung“ Schlagzeilen

Er war nicht nur weltberühmter Wissenschaftler mit Nobelpreis, nicht nur der führende Kopf der jungen Max-Planck-Gesellschaft: In seiner Zeit in Göttingen von 1946 bis 1968 eroberte Otto Hahn die Herzen der Menschen mit großer Güte, Bescheidenheit und einem standfesten Charakter, den auch die damalige Bundesregierung nicht ins Wanken bringen konnte.
 Von Matthias Heinzel


In einem sind sich alle Zeitzeugen, die sich nach einem Aufruf im Tageblatt zum Thema Otto Hahn gemeldet haben, einig: Der weltberühmte Nobelpreisträger, im Jahr 1938 Entdecker der Kernspaltung, war ein großer Menschenfreund, machte keinen Unterschied zwischen berühmten und weniger berühmten Zeitgenossen. 


In dem Dokumentarfilm „Otto Hahn – Aus dem Leben eines Nobelpreisträgers in Göttingen 1948 – 1968“, der am 12. April 2007 erstmals vorgeführt wird, berichtet Manfred Eigen, 1967 selbst mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet, mit welcher Herzensgüte und gleichzeitig großer Würde Hahn mit Menschen umzugehen wusste. Seine Charakterfestigkeit, gepaart mit nie versiegender Freundlichkeit, zeichnete Hahn von Beginn an aus.

Schon vor seiner Göttinger Zeit, sagt Prof. Hans-Jürgen Peiper, hat Hahn mit erstaunlichem Mut vor den Gefahren einer militärischen Nutzung der Kernspaltung gewarnt. „Im Herbst 1942“, erinnert sich der spätere Direktor der Abteilung Allgemeinchirurgie der Universität Göttingen, „habe ich Otto Hahn kennen gelernt – bei einem Vortrag in der Technischen Universität Berlin zur Entwicklung der Atomphysik. Mitten im Krieg, trotz aller Geheimhaltung, hat Hahn von der Möglichkeit gesprochen, die Kernspaltung zu benutzen, um eine Bombe zu entwickeln.“ Dies könne furchtbare Folgen haben.


Diese Bedenken, mit seiner Entdeckung eine Entwicklung mit furchtbaren Folgen für die Menschheit angeschoben zu haben, ließ Hahn zeit seines Lebens nicht mehr los. Seine in der ganzen Stadt bekannte Vorliebe für Waldspaziergänge, sagt Walter Vogt, der den MPG-Präsidenten 1952 als Tischlerlehrling kennenlernte, habe auch mit seiner Sorge um die Gefahren eines Nuklearkrieges zu tun gehabt: „Er hat immer davon gesprochen, dass man sich engagieren muss. ,Wir müssen etwas tun, sonst werden noch viele schlimme Dinge kommen’, hat mir der Professor damals gesagt. In den Wald ist er auch gegangen, um damit fertig zu werden.“

„Göttinger Erklärung“

Die Hahn’sche Warnung mit der größten Außenwirkung kam 1957. Am 12. April jenes Jahres veröffentlichte Hahn mit 17 anderen prominenten Wissenschaftlern ein Manifest, das als „Göttinger Erklärung“ in die Geschichte einging. Diese damals führenden Wissenschaftler der Atomforschung wandten sich mit Erfolg gegen die von Bundeskanzler Konrad Adenauer und Verteidigungsminister Franz Josef Strauß angestrebte Aufrüstung der Bundesrepublik mit Atomwaffen. Wochenlang blieb der Name der Stadt Göttingen in den Schlagzeilen der nationalen und internationalen Presse. Dass Strauß sich öffentlich aufregte über den „alten Trottel, der die Tränen nicht halten und nachts nicht schlafen kann, wenn er an Hiroshima denkt“, nahm Hahn mit großer Gelassenheit.

Einen besonderen Bezug zum Privatmann Hahn konnte Elfriede Prang entwickeln: Sie war die letzte Haushälterin im Hause Hahn. In der Wohnung des Ehepaars in der Gervinusstraße kümmerte sie sich mit ihrer Schwester vor allem um Hahns kränkelnde Ehefrau Edith. Prang begleitete Hahn bis zur letzten Stunde seines Lebens. Noch heute rührt es sie an, wenn sie an den weltberühmten Mann denkt: „Das war ein so herzensguter Mensch, das können Sie sich gar nicht vorstellen.“

„Wunderbares Vorbild an sittlicher Kraft“

Unter Kollegen war Otto Hahn nicht nur wegen seiner wissenschaftlichen Leistung oder seiner Tätigkeit für die Max-Planck-Gesellschaft, sondern auch wegen seines Charakters und seiner Menschlichkeit hoch angesehen:
„Ich muß einfach sagen, daß er der bewundernswerteste Mensch ist, der mir unter den Wissenschaftlern bekannt ist. Seine charakterliche Größe, seine Schärfe des Verstandes und diese absolute Redlichkeit und Zurücksetzung seiner Person findet man so rasch nicht wieder.“ (Otto Haxel 1987)


„In den mehr als fünfzig Jahren unserer Bekanntschaft bin ich niemals einem Menschen begegnet, der Hahn nicht gern gehabt hätte.“ (Lise Meitner 1959)



„Otto Hahn hat sein so schweres menschliches Schicksal mit unvergleichlicher Haltung getragen. Stets blieb er äußerlich heiter, den Mitmenschen zugewandt in nie versiegender Herzensgüte, ein wunderbares Vorbild an sittlicher Kraft. Alle, die ihm begegnen durften, werden die Erinnerung an seine einzigartige Persönlichkeit als unverlierbaren inneren Besitz empfinden.“ (Berta Karlik 1969)



„Er war Vorbild in seiner Gewissenhaftigkeit, zugleich die Herzen gewinnend in seiner Güte und Bescheidenheit.“ (Manfred von Ardenne 1978)


Otto Hahn – Lebensdaten

22 Jahre lang lebte Otto Hahn in Göttingen – und blieb doch immer seiner Geburtsstadt Frankfurt verbunden.

1879:
 8. März: Otto Emil Hahn wird in Frankfurt geboren.


1897:
 Studium der Chemie und Mineralogie an der Universität Marburg.


1901:
 Promotion.

1905-1906:
 Arbeit mit Ernest Rutherford, Kanada.


1907:
 Beginn der Arbeit mit Lise Meitner.


1910:
 Hahn wird Professor.

1912:
 Eröffnung des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie in Berlin. Hahn wird Leiter der Abteilung für Radioaktivität.


1913:
 22. März: Hochzeit mit Edith Junghans.


1922:
 9. April: Geburt des einzigen Sohnes Hanno.


1929:
 Hahn wird Direktor des KWI für Chemie.


1934:
 Nach dem Ausschluss von Lise Meitner erklärt Hahn seinen Austritt aus der Universität Berlin.


1937:
 Hahn entdeckt das Uranisotop 239.


1938:
 17. Dezember: Hahn entdeckt zusammen mit seinem Assistenten Fritz Straßmann die Kernspaltung.


1945:
 Internierung in England.


1946:
 Hahn kommt nach Göttingen. Am 1. April wird Hahn Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft.
10. Dezember: Verleihung des Nobelpreises für Chemie.

1948:
 26. April: Hahn wird Präsident der Max-Planck-Gesellschaft in Göttingen.


1957:
 12. April: „Göttinger Erklärung“ gegen eine atomare Bewaffnung der BRD.


1959:
 Göttinger Ehrenbürgerschaft. Hahn wird als Bundespräsident vorgeschlagen, lehnt jedoch ab.


1960:
 29. August: Sohn Hanno und Schwiegertochter sterben bei einem Autounfall.


1968:
 Nach 100 Tagen im Krankenhaus Neumariahilf stirbt Otto Hahn an Herzversagen.

 

erschienen im Göttinger Tageblatt vom 10.03.2007